BD der Daumen
DAUMEN, DÜRING DER: (Für Benny) In der Jazzszene spricht man nur mit Respekt vom Düring-Daumen. Man ehrt damit das Comeback eines Fingers als vollwertiges Mitglied des Quintetts. Es erstaunt niemanden der Klavier spielt, dass der Daumen gegenüber den anderen Fingern benachteiligt ist. Er ist längst nicht so beweglich wie der Zeigefinger und zieht auch optisch nicht die Blicke auf sich wie der kleine Finger. Er ist der Sancho Panza unter den Körperteilen, der Udo Olschewski unter den Verwaltungsfachleuten. Entdeckt man dann wie der Jazzpianist Benny Düring diesen Daumen einsetzt, ist eine Herabsetzung nicht mehr gerechtfertigt. Der Düring-Daumen strahlt vor Selbstbewusstsein und bringt sich optimal ein. Gut, er wird nie die Aggressivität des Mittelfingers ausstrahlen, das Tastenstreicheln des Zeigefingers ist ihm fremd, aber er kann über sich hinauswachsen, wenn ein alter Hase wie Düring ihn führt. Düring weiß wie ein Daumen sich fühlen muss, wenn man ihm nur mitschleift. Dafür arbeitete er nicht nur als Musiker, sondern auch als Pädagaoge. So stärkt er des Daumens Selbstbewusstsein und schließt ihn nicht aus aus dem Spiel der Talentierten. Er gibt dem Daumen das Gefühl wichtig zu sein und gebraucht zu werden, auch wenn er nicht das geheimnisvolle Glänzen des Ringfingers erreichen kann. „Du bist ein wichtiges Mitglied meiner Combo.“ Das ist es, womit Düring auch aus dem Daumen ein facettenreiches Spiel hervorkitzelt. Dieses erstarkte Selbstbewusstsein macht den unterforderten Daumen zum Düring-Daumen. Da ist keine Bevormundung zu spüren. Er lässt den Daumen nur los und ermutigt ihn zu spielen. Es ist rührend mit anzusehen wie der Düring-Daumen dem Spiel der anderen Finger folgt. Da ist kein fünftes Rad am Wagen mehr zu sehen. Man spürt wie der Daumen mitfiebert, um bloß nicht seinen Einsatz zu verpassen. Da spielt auch jemand für die Mannschaft, wenn er nur auf der Ersatzbank sitzt. Und wie er dann triumphiert, wenn er seine Töne einbringen darf, rührt an und macht ihn zum Düring-Daumen.Viele Klassiker der Jazz-Geschichte profitieren von dieser Neuentdeckung und dieser Neunutzung. Wer weiß, was Miles Davis mit dem Daumen auch auf seiner Trompete, wo ihm ja eher eine stützenden Funktion zugewiesen wird, hätte anstellen können, wenn ihm diese Düringsche Sichtweise bekannt gewesen wär

